SelbstHeilung.me

Selbstheilung ist Versöhnung mit sich selbst

Archiv für das Schlagwort “Lebensenergie”

schau an 21 04 2018

Der Gott des Gemetzels

Die Verfilmung „Der Gott des Gemetzels“ beruht auf die gleichnamige Theaterkomödie von Yasmina Rezas. Anders als im Theaterstück sind die Kinder, um die es sich hier dreht am Beginn und am Ende des Filmes zu sehen. Im Theaterstück scheinen die Eltern ihre Kinder nicht für ihre verbogenen Moralvorstellungen zu opfern. In der Verfilmung ist diese unterbewusste Intension (Antrieb) ganz deutlich zu spüren.

Genre: Komödie/Drama
Erscheinung: 24. November 2011 (D)
Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Roman Polanski, Yasmina Reza

Trailer:
Interpretation:

Es treffen sich zwei Ehepaare, um die absichtlich herbeigeführte Verletzung des einen Sohnes durch den anderen Sohn friedlich zu klären. Doch es kommt anders. Die Situation scheint hoffnungslos zu eskalieren. Verzweiflung, Not, Rache, Angst, Hunger, Übelkeit oder Wahnsinn. Was ist das, was den Gott des Gemetzels nährt? Dieser Film ist ein Muss für jeden und erst recht für Streithammel.

Es ist der Hass, der sich gegen alles im Außen richtet, das die Vorstellung vom eigenen Selbst entlarven könnte. Die Menschen wollen gut sein und tun etwas, das letztlich nur eine Täuschung sein kann. Denn das Gute gibt es nicht wirklich. Das gibt es nur in der Vorstellung und die menschliche Vorstellung ist nie das was wirklich ist.

Die Menschen wollen Triumphieren und sind geneigt für diesen Triumph auch etwas zu opfern. Hier geht es um die Kinder, die im Geiste vorgeführt und schließlich für den Erhalt der eigenen triumphierenden Weltsicht geopfert werden. Dieser Mechanismus ist nicht neu. In der Geschichte der Menschheit hat es den Kindsmord millionenfach als Friedensakt gegeben. Zum Friedensschluss wurde der gegnerischen Seiten der eigene Sohn oder die eigene Tochter zur Opferung angeboten. Dann würde der Frieden beschlossen bzw. der Hass konnte beigelegt werden.

Was treibt diesen Hass an? Wir dürfen erkennen, dass Menschen gern etwas sein wollen, was sie nicht sind. Sie erschaffen eine Identität, die eigentlich eine Lüge ist, denn sie hat nichts mit dem göttlichen Sein oder göttlichen Funken gemein, was man in Wahrheit ist und wird deshalb auch nicht mit Lebensenergie versorgt. Das müssen sie aber tun, weil es ihnen nicht bewusst ist. Jeder Mensch lernt, dass er ohne eine Identität nicht existieren kann.

„Was willst du einmal werden?“ muss wahrscheinlich jedes Kind beantworten. Das Kind fragt sich, warum es etwas werden soll, es ist doch schon da. Das kann nur geschehen, wenn auch die Eltern nie wirklich erwachsen geworden sind, und diesen unbewussten Selbstbetrug nicht durchschauen konnten. Wie weit die Entfernung vom Selbst hin zu einer Identifikation mit einem Rollenverständnis gehen kann, ist von gesellschaftlichen Prägungen abhängig. Es handelt sich dabei aber dennoch um die legendäre Lebenslüge. Man belügt sich selbst. Sicher, bis es einem bewusst wird, geschieht es unbewusst.

Der Antrieb ist im Verlangen nach (Be)Deutung zu finden. Dieses Verlangen wird dem Kind in dem Moment eingeimpft, indem man ihm zu verstehen gibt, dass es nicht das ist, was es ist. Indem es etwas sein möchte, würde es etwas werden, was es sein möchte. Wenn sich Menschen eine Rolle überstülpen geben sie sich eine Bedeutung. Das muss, weil es ja nicht wahr ist, mit immer neuen Geschichten, Behauptungen und Lügen untermauert werden. Bis dann eines Tagen das ganze Kartenhaus zusammenbricht.

Es sind hier vier brillante Schauspieler zusammengeführt worden, Nancy Cowan (Kate Winslet), Penelope Longstreet (Jodie Foster), Alan Cowan (Christoph Waltz) und Michael Long (John C. Reilly), die verblüffend authentisch darstellen, was die Auslöser für Entlarvungen (Maske vom Gesicht ziehen) sind. Der Schlüssel ist das Getroffensein an einem wunden Punkt. Sobald Menschen etwas sagen, kann es interpretiert werden. Wie es interpretiert wird, hängt von den Themen ab, die beim getroffenen Menschen geklärt werden wollen. Würden alle Aspekte geklärt sein, würde man sich nicht mehr getroffen fühlen. Das Getroffensein deutet auf einen Konflikt mit sich selbst hin, der sich beim Getroffenen offenbart. Dem Getroffenen hält das Leben einen Spiegel hin. Sich selbst in dem Spiegel erkennen muss jeder selbst.

Übelkeit während eines Wortgefechts, das sich wie ein Gemetzel anfühlen mag, deutet darauf hin, dass man das Gesagte, also die Information des Ausgesprochenen nicht schlucken und verdauen kann oder möchte. Das plötzliche Erbrechen ist die Folge dieser Interpretation.

Es ist sehr schön zu beobachten, wie sich die Protagonisten gegenseitig die Schleier herunterreißen. Das tun die Menschen zumeist aus Verzweiflung. Sie verweisen gern auf andere, um von sich selbst abzulenken. Auch dieses Verhalten kann auf das Verlangen nach Bedeutung begründet sein. Sich selbst zu erhöhen ist ein Reflex, der solange da sein muss, bis es dem Menschen bewusst wird. Bis dahin gehört dieser Reflex zum Überlebenstrieb. Ab der Bewusstwerdung an diesem Aspekt wird erkannt, dass dieses Verhaltensmuster nicht mehr gebraucht wird. Denn der Antrieb nach Sicherheit ist auch ohne die Selbsterhöhung gewährleistet.

In diesem Zusammenhang müssen wir noch den Begriff „Höflichkeit“ betrachten. Höflich zu sein, impliziert den Gedanken „wie bei Hofe“ zu sein. Bei Hofe, also beim Adel geschah etwas, das man mit Absonderung bezeichnen kann. Man wollte sich von den gewöhnlichen Menschen unterscheiden und kam mehr und mehr zu Verhaltensregeln, die nur dem Adel antrainiert wurde. Der Normale mensch gehörte deshalb nicht zu dieser Gesellschaftsschicht, weil er sich nicht höflich verhalten konnte. Wenn uns das nicht bewusst ist, sind wir in der Vorstellung gefangen höflich sein zu müssen. Aber dadurch entfernen wir uns auch von dem, was wir in Wahrheit sind.

Insgesamt weist dieser Film auf die Notwendigkeit des Erwachsenwerdens hin. Es ist dabei völlig egal, wie alt wir sind. Wenn wir in der Kinderwelt verbleiben, also mit Kinderaugen in die Welt blicken, müssen wir uns nicht darüber wundern, dass andere Menschen mit uns so umgehen, als hätten sie Kinder vor sich.

Im Abspann werden die Kinder auf dem Spielplatz eingeblendet, die sich wahrscheinlich schon wieder versöhnt haben.

Für mein Empfinden wirkt die Verfilmung authentischer.

Hier ist das Theaterstück „Der Gott des Gemetzels“
aufgezeichnete Premiere im Schauspielhaus Zürich, 2006 (ab Min. 6:26):

Weitere Filme

Kontakt


Wenn Dir dieser Artikel gefallen hat, würde ich mich über einen kleinen Beitrag zur Unterstützung meiner Arbeit sehr freuen! Spende hier mit Paypal, oder als Überweisung direkt, siehe Impressum.

Beitragsnavigation